Was ist die (Energie-) Wende-Initiative?
August 2010
Die Wende-Initiative Suhl/Zella-Mehlis und Umgebung versteht sich als ein Teil der sich weltweit ausbreitenden Transition Towns Initiative. Ausgangspunkt dieser Bewegung war die kleine Stadt Totnes im Süden Großbritanniens. Mittlerweile gibt es weltweit über 1000 (in Worten: tausend). In Deutschland sind drei Initiativen offiziell anerkannt: Bielefeld, Witzenhausen, Berlin-Friedrichshain/Kreuzberg. Fast jeden Monat entstehen auch in Deutschland neue Initiativen: Es gibt Gruppen in Dresden, Eisenach, Kiel, München, Emskirchen, Kaufungen, Hannover, Göttingen und - nicht zuletzt Suhl/Zella-Mehlis. Eine Vernetzung der Initiativen erfolgt hauptsächlich über das Internet (Transition)-Netzwerk.
Ausgangspunkt bildet dabei die Frage: Was können wir als Bürger tun, um den Problemen und Herausforderungen, die sich durch die globale Megakrise ergeben, Paroli zu bieten? Es geht darum, zu erkennen, dass es sich bei dieser Megakrise um eine Krise des modernen Wirtschaftens und der ihr gemäßen Lebensweise handelt.
Einerseits Ressourcenschwund: Die Fördermengen wichtiger Rohstoffe stagnieren oder gehen zurück. Insbesondere die fossilen Rohstoffe gehen uns aus. Am gravierendsten wird dieses Problem bei dem Rohstoff, von dem wir in dramatischem Maß abhängig sind, beim Öl ("Peak Oil" = Fördermaximum).
Andererseits Klimawandel: Indem wir Öl und anderes folgenblind verbrennen, heizt sich der Planet auf.
Wir haben ein Zwillingsproblem, ein mit bisherigen Mitteln unlösbares Problem von Ressourcenschwund und Klimawandel.
Die "Megakrise" hat wohl ihren Kern darin, daß wir immer mehr - weitgehend nicht lebensnotwendige - Waren und Dienstleistungen produzieren mit dem Hauptziel, Geld dafür zu erhalten, sei es nun Profit oder Arbeitslohn. Werben, zentral und zugleich transportintensiv (anstatt regional) produzieren, zum Verkauf ggf. zur anderen Seite des Planeten transportieren, rasch konsumieren, wegwerfen und schließlich verbrennen.
Dass das nicht gut geht, zeigt sich gerade gegenwärtig.
Deshalb müssen wir uns vom "Wachstumsmodell" des ressourcen-verschlingenden fossilen und atomaren Wirtschaftens verabschieden. Auch auf "grüner", alternativer Basis ist Wachstum nicht zu halten - alternative Energiegewinnung aus Sonne, Wind und Wasser ist der Energieeffizienz des Öls nicht gewachsen, alles würde entweder Unmengen anderer Rohstoffe verschlingen oder aber viel, viel langsamer gehen. Statt Wachstum steht kreative Entschleunigung an.
Also: Es geht nicht (mehr lange) weiter so. Es heißt, die Situation klar zu sehen, nicht zu verdrängen. Mit der noch immer ungehemmten Globalisierung wurden und werden den Menschen rund um den Planeten die Fähigkeiten zur Selbstversorgung ausgetrieben. Der Gegenentwurf ist, daß das Verhältnis von globalisiertem und regionalisiertem Wirtschaften und Konsumieren umzukehren ist: Im Ozean der regionalen (kommunalen) Selbstversorgung soll es künftig nur noch Inseln zentralisierter Produktion und transportintensiver Fremdversorgung geben.
Auf dieses Ziel hin kann und darf nicht auf Politik und Verwaltung gewartet werden. Daher schlug die Gruppe um den Permakultur-Experten Rob Hopkins (Südwestengland, Provinz Devon) engagierten Bürgern vor, ihre Kommune anders zu organisieren: nämlich lokal zu wirtschaften mit kurzen Transportwegen, sich über gärtnerische und landwirtschaftliche Produktion vor Ort regional zu ernähren, ortsnahe, insbesondere nachwachsende Rohstoffe zu nutzen, ihre Energie weitgehend selbst zu erzeugen, ja, alle Aspekte der Lebensweise auf den Trend zur Regionalisierung hin zu prüfen. Grundsätzlich gesagt: Die Rückkehr zu stärker lokal orientierten energieeffizienten und selbstversorgenden Lebensumständen ist für die Menschheit eine Überlebensfrage.
Der Weg der regionalen Selbstversorgung stärkt die Resilienz (Widerstandsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit oder Elastizität) gegen globale Krisen.
Die Transition Town-Bewegung, die Horst Köhler in seiner letzten, geradezu visionären Rede als Bundespräsident ausdrücklich würdigte, setzt nicht auf Abschreckung, auf Betroffenheit, Entsetzen und Wut, sondern zielt auf die inspirierenden, begeisternden Möglichkeiten ab. Wir wollen normaler, zukunftsfähiger leben: mit weniger Stress, weniger Eile, weniger Angst, besserer Nahrung, besserer Gesundheit, mehr Gleichheit. Dabei sind sowohl neue, der Selbstversorgung dienliche Technologien gefragt als auch die Reaktivierung alter Kulturtechniken aus Großmutters Zeiten. Der Prozess des Wandels ist positiv ausgerichtet und kreativ und macht nicht zuletzt deshalb Spaß, weil er uns mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen spürbar näher verbindet, weil er aus der durch Technisierung und Automatisierung begünstigten Selbstentmündigung herausführt.
Jeder, der Interesse hat, sein Umfeld in diesem Sinn zu gestalten, kann sich in bereits vorhandenen Arbeitsgruppen einbringen oder die Gründung einer neuen Arbeitsgruppe anregen. Bisher gibt es bei ÜBERLEBENSKULTUR folgende Arbeitsgruppen:
- Selbstversorgung mit Energie
- Natürlich gärtnern: Garten- und landbauliche Selbstversorgung unter Berücksichtigung der Prinzipien der Permakultur
- Regionales Geld
Die Gruppen arbeiten unabhängig von den festen Terminen der Wendeinitiative, in denen sie aber regelmäßig von ihren Erfahrungen berichten.
Regelmäßige Treffen der Wende-Initiative finden im Bürgerhaus Zella-Mehlis (Anschützstraße 28) statt: jeweils am ersten Mittwoch in den ungeraden Monaten ab 19 Uhr.
Ablauf: Kurzvortrag von Wende-"Pionieren" / Berichte aus den Gruppen / Gruppenarbeit
Ausgewählte Literatur:
- Rob Hopkins: Energiewende - das Handbuch. Verlag Zweitausendeins 2008
- Richard Heinberg: The Party's Over
- Horst Köhler: Schlüsselfrage Mobilität. Weltverkehrsforum Leipzig 2010
Ausgewählte Internetadressen:
ÜBERLEBENSKULTUR
EIN ÜBERREGIONALES PROJEKT
DES KUNST- UND KULTURVEREINS ZELLA-MEHLIS